IRAN: Ein Blick in einen „anderen“ Teil unseres Globus verändert so manche Sichtweise…..

Mit einer Bürgermeisterdelegation des österr. Gemeindebundes konnte ich kürzlich den IRAN besuchen. Die Verleihung der Energy Globes (www.energyglobe.info) und eine internationale Nachhaltigkeitskonferenz in der Stadt Yazd (ca 650km südlich von Teheran) waren der Anlass der Reise. Die Fahrt dauerte zwar nur 4 Tage (inkl. Hin- und Rückreise in der Nacht). Aber auch in dieser kurzen Zeit waren es enorm viele Eindrücke und auch Einblicke in das Leben der Menschen im Iran. Einblicke in ein Land, das wir in Mitteleuropa fast nur aus den Medien kennen und da zumeist nur im Zusammenhang mit Sanktionen, mit kriegerischen Auseiandersetzungen oder im heurigen Jahr mit dem 40. Jahrestag der islamischen Revolution und der Ausrufung des „Gottesstaates“ nach dem Sturz des Schah im Jahr 1979.

Anlass: Energy Globes 2018 und Nachhaltigkeitskonferenz

Die Stadt YAZD (ca. 550.000 Einwohner) war heuer Ort der Verleihung der weltweiten Energy Globes. Der Hintergrund ist eine schon länger bestehende sehr gute Verbindung von Wolfgang Neumann, dem Energy Globe Gründer, und der Stadt. Und so wurde die Verleihung der Globes mit einer ganztägigen Nachhaltigkeitskonferenz ergänzt, bei der internationale Projekte vorgestellt, aber vor allem von den europäischen Vertretern auch die ganz starke Rolle der Gemeinden bei Projekten zum Schutz der Umwelt und bei der Anleitung zu umweltbewussten Handeln betont wurde. Unter www.energyglobe.info kannst Du die Konferenz, die Beiträge (u.a. auch aus Österreich) und auch die Verleihung der Globes Revue passieren lassen.

Leben, Arbeit und Kultur im IRAN – im besonderen in der Stadt YAZD

Die Stadt YAZD ist eine Wüstenstadt, die mit ihrer Lage sogar im IRAN einige Besonderheiten aufweist. Gerade die Trockenheit (rund 3 bis 4mm Niederschlag/Monat) und viel Wind hat schon vor Generationen bei der Wassernutzung und auch bei der Kühlung der Häuser einige Entwicklungen hervorgebracht hat, die heute wieder geschätzt und in moderner Form Anwendung finden könnten. Am Sonntag  – dem Anreisetag – und auch zwischendurch bot sich die Gelegenheit, die Stadt etwas näher zu erkunden und auch die Menschen, deren Leben und Wirtschaften und die Jahrhunderte alte Kultur der Stadt kennenzulernen:

Wüste und Wasser

Das Lebenselexier Wasser ist hier – noch mehr als woanders – bei einem Gesamt-Jahresniederschlag von nur 60mm, eine Rarität und wurde und wird entsprechend sorgsam genutzt. In einem eigenen Wassermuseum wird vermittelt, wie Wasser schon früher über lange Kanäle aus den Bergen in die Stadt geleitet und verteilt wurde. Heute sind es moderne Rohrsysteme, die die unterirdischen Kanäle ersetzt haben. Und trotzdem ist Wasser – in Zeiten des hier noch vielmehr als bei uns spürbaren Klimawandels – eine RARITÄT.

WIND und Kühlung

Die zweite Problemstellung mit der die Wüstenstadt seit jeher zu kämpfen hatte, ist der Schutz vor der Hitze und den Sandstürmen der Wüste. Allein die Bauform hat dem Rechnung getragen, denn wo man von der Straße aus vermeintlich nur endlose Ziegelmauern wahrnimmt, liegen dahinter kleine grüne Gartenrefugien. Fast jedes Haus hatte traditionell einen gut geschützten kleinen aber grünen Innenhof. Und für die Kühlung der Häuser wurde schon vor Jahrhunderten ein „WINDTURM-SYSTEM“ entwickelt. Mit einer einfachen Luftzirkulation durch Unterdruck wurde in den Häusern damit vor allem im Sommer ein ständiger Luftstrom erzeugt, der die Innenräume trotz großer Aussenhitze kühlte.

Leben und Arbeiten heute

Der Autoverkehr und kleine Läden, Handwerksbetriebe und Dienstleister entlang der durchaus breiten Straßen prägen das Stadtbild von Yazd heute. Während die Innenstadt zwar als Weltkulturerbe ausgezeichnet wurde aber die kleinen Gassen dort eigentlich nur mehr von älteren Menschen bewohnt werden. Durchschnittlich € 200,– bis € 300,–/Monat verdienen die Menschen hier. Die Arbeitslosigkeit ist hoch und liegt bei den Jugendlichen an die 30% und im Gesamten bei 11 bis 12%. Siehe dazu auch das WKO Statistik Länderprofil: https://wko.at/statistik/laenderprofile/lp-iran.pdf. Die Menschen arbeiten wirklich fleissig, um das notwendige Auskommen zu sichern, während die gesamtwirtschaftliche Entwicklung im Iran „hinkt“. Bildung wird sowohl vom Staat als auch von den Menschen extrem hoch geschätzt. An den Unis studieren mittlerweile mehr als 50% Frauen, hat man uns erzählt.

Entlang der größeren Straßen der Stadt hat sich ein Wirtschafts- und Handwerksökosystem des Handels, der Dienstleistung und des Handwerks entwickelt. Tischler, Fleischer, Bäcker, Friseure, Kleintier- und Futterhändler, Gemüseanbieter und Läden, Banken, Mechaniker, Teeläden und Pizzabuden…….; Alles, was man zum Leben braucht, mischt sich hier kreuz und quer. Und die Läden sind fast alle zur Straße hin direkt offen. Schon am Gehsteig spielt sich Vieles ab, werden zum Beispiel Autos repariert oder Möbel neu bezogen werden warten sogar die Katzen vor der Fleischerei, dass der eine oder andere Abfall auch für sie abfällt……

Produzierende Industrie gibt es ebenfalls……

Die Währung macht Millionäre. Die Inflation galoppiert rasch dahin.

Der Handelsdelegierte der österr. Wirtschaftskammer im IRAN hat uns erzählt, dass die Inflation enorm ist und der Wechelkurs Euro:Rial von 1: 60.000 (beim Wechsel im Land) in den eineinhalb Jahren, die er jetzt dort ist, auf 1: 134.000 angestiegen ist. Das bedeutet in der Realität nicht nur eine riesen Menge Geldscheine in der Tasche, sondern vor allem auch eine große Unsicherheit für Investoren aus dem Ausland, weil deren Investitionen von kaum jemand abgesichert werden. Die US Sanktionen tragen ein weiteres zur problematischen Entwicklung bei, denn selbst Firmen, die nicht direkt mit Amerika Geschäfte machen, werden indirekt über den drohenden Ausschluss ihrer Geschäftspartner vom amerikanischen Markt gezwungen, mit dem IRAN keine Handelsbeziehungen einzugehen. Die dadurch entstehende westliche Absenz wiederum lässt Lieferanten aus China und Russland erstarken, obwohl Waren aus dem Westen bei den Menschen mehr denn je gefragt wären. Siehe dazu auch eine aktuelle Initiative der EU: https://orf.at/stories/3109801/

Alkoholverbot und Verhüllungsgebot aber auch unerwartete Freiheiten im islamischen Gottesstaat

Religion ist ein fixer Bestandteil des täglichen Lebens im IRAN. Gebetet wird vor Tagungen und offiziellen Anlässen und auch die Gotteshäuser und Moscheen sind Bestandteil des Straßen- und Stadtbildes. Bilder des damaligen religiösen Führers der Islamischen Revolution von 1979 Ruhollah Chomeini und des heutigen obersten Religionsführers Ajatollah Sejjed Ali Chāmeneʾi  sind überall präsent und mit diesen äusseren Symbolen verbunden auch die innere Haltung und Ordnung, die der „Gottesstaat“ verfolgt. Die uns bekannten Regeln des Islam betreffend die Kopfbedeckung und Verschleierung für Frauen, das getrennte Anstellen und auch das Alkoholverbot werden ausnahmslos eingehalten. Allerdings ist der Umgang Mann und Frau ungezwungener als vermutet und vor allem jüngere Frauen sind in mittlere Ämter aufgestiegen und rund 50% aller Studierenden im Iran sind mittlerweile auch Frauen. Bei Reisen und auch sonst gibt es keinerlei wahrnehmbare Einschränkungen für die Menschen. Und Gastfreundschaft wird immer gelebt. Die Menschen begegnen einander freundlich und sind extrem offen und wissbegierig was „Fremde“ wie wir es im Iran waren, anbelangt.

Eine WELTSPIEGEL – Reportage, die fast zeitgleich mit dieser IRAN-Reise von der ARD ausgestrahlt wurde, blickt noch weiter hinter die Kulissen des Landes: http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/videos/podcast-thema-40-jahre-iran-revolution-100.html

Prestige, Modernität und wahrnehmbare Eliten

Grundsätzlich hat man ab der Ankunft am Flughafen den Eindruck, dass der Iran Modernität will und wo es möglich ist auch umsetzt. Manches davon – einige besondere Bauten – mögen dem Prestige geschuldet sein, aber im großen und ganzen herrscht das Bemühen vor, das Land voranzubringen und anschlussfähig zu halten, auch wenn diese Bemühungen nach westlichen Maßstäben schwer umsetzbar sind. Am Beispiel „Tourismus“ ist wohl am besten erkennbar, wie sehr das „Wollen“ und die reale Umsetzung auseinanderklaffen. Denn solange im Religionsstaat Verhüllungsgebote herrschen, wird ein Badetourismus westlichen Zuschnittes einfach nicht möglich sein und für Kulturtouristen ist der IRAN zwar interessant aber noch lange nicht „mengen-/ schon gar nicht massenfähig“, trotz bester und modernster Hotelanlagen. Und im IRAN dürfte doch noch ein stärker ausgeprägtes und auch wahrnehmbares Bild von Eliten vorherrschen, die nur teilweise mit dem breiten Volk in direkter Verbindung stehen, aber das ist nur ein Eindruck und konnte aufgrund der Kürze des Aufenthaltes und der mangelnden Sprachkenntnisse nicht vergleichbar verifiziert werden.

Auf jeden Fall eine Reise wert und ein Zeichen für „eine gemeinsame Welt“

Am besten ist wohl der eigene Eindruck, den man vom Land gewinnen kann, wenn man hinfährt! Und dazu darf ich alle, die diesen Beitrag lesen, wirklich ermutigen! Austrian Airlines fliegen derzeit Wien – Teheran direkt und das Land ist sicher und die Menschen sind gastfreundlich. Die VISA sind relativ einfach erhältlich und jeder Besuch stärkt die Wirtschaft des Landes und ist wohl auch ein Zeichen an jene, die den IRAN und andere Staaten des mittleren asiatischen Raumes von der Weltgemeinschaft derzeit ausgrenzen. Vor allem der Grund der IRAN Reise – die Energy Globe Verleihung – machte deutlich, dass wir den großen Herausforderungen wie Klimawandel und Weltfrieden nur gemeinsam begegnen können und dazu sind viele kleine Verbindungen zwischen den Menschen unterschiedlichster Staaten, unterschiedlicher Religionen und unterschiedlicher Einstellungen und die Achtung füreinander wichtig! www.energyglobe.info

Anflug auf Teheran
Modernes Restaurantzentrum in der Nähe von Teheran
Traditioneller Autostopp an einer der stark befahrenden Hauptverkehrsadern des Landes.
Fleissig, aber manchmal muss man auch „warten können“
Hoteleingang
Hotelpapageien: Ob die Farben der zwei eine Bedeutung haben – auf jeden Fall lagen sie dauernd irgendwie im Klinsch miteinander….
Hotel – Innenhof
Gemeindevertreter
Das System „Windtürme“: Sie fangen die vorbeistreichende Luft und erzeugen im Inneren einen Unterdruck, der die Luft – tlw. mit hoher Geschwindigkeit nach unten streichen lässt.
ehemalige Wasserkammer im Keller eines traditionellen wohlhabenden Hauses. Hier floss das Wasser der Quelleitungen durch und kühlte während des Sommers….
Mehrgeschossiger Aufbau eines taditionellen Hauses mit „Wasserkammer“ unten und Windfänger-Turm oben…..
Blick in einem Windturm nach oben….
Hier strömt der Luftzug von oben aus dem Windturm kommend ins Haus …
Auch heute ist Ziegel noch das Baumaterial schlechthin. Beton spielt eine nur untergeordnete Rolle.
Historische Lehmputzfassaden mit Stroh gaben Halt und dämmen auch ….
„Geschlechtertrennung“ beim Türeingang….
Aussen abgeschlossene Mauern – innen grüne Wohngärten.
Diskussion mit Uni-Vertretern in Yazd zum Thema „smart cities“.

 

 

 

4 Gedanken zu “IRAN: Ein Blick in einen „anderen“ Teil unseres Globus verändert so manche Sichtweise…..

  1. Danke für den großartigen Kurzbericht und die Fotos von einer uns noch unbekannten Welt. Wir haben übrigens vor, den Iran von 3. – 11. April zu bereisen.

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  2. Das unbedingte „andere Iran“ habe ich neben Teheran und Yazd in Shiraz und Isfahan „ gesehen – modernste Infrastruktur, gepaart mit Tradition und ein Staat , wo zb in einem eigenen Viertel Christen (armenisches Viertel) auch Ihre Tradition uneingeschränkt leben können . Auffallend modern angezogene Frauen, StudentInnen sehr interessiert an Europa – man wird überall angesprochen, bunte Märkte mit tollsten Gemüse und Obst – rund um Shiraz, modernste Landwirtschaft mit Bewässerung , Verkehr, in den Städten modernste Architektur, Pflege der Tradion, wie in Paris auch moderne Geschäfte und Lichterspekatkel am Abend – die Moscheen zugänglich (Besucherquote eher gering – sekularisiertes Leben in den modernen Städten) – Tradition eher am Lande, Bevölkerung steht zur persischen Kultur, gebildet, und Persien unter dem Pfauenthron ist stets ein Thema mit Nostalgie – wer Persien vor 30 Jahren bereist hat und HEUTE zu Gast ist – unvergleichlich 😀

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