Digitales Dorf 2030 – aus der Veränderung eine CHANCE machen!

 

 „Digitales Dorf 2030“ heißt ein Informations- und Diskussionsprojekt der NÖ.Regional.GmbH. Für das Magazin Energie&Umwelt in Niederösterreich – Ausgabe Dezember 2019 – habe ich daraus Chancen und Risken der Digitalisierung für den ländlichen Raum in Niederösterreich zusammengefasst. Hier die „Langfassung“ der Inhalte. Mehr findest Du übrigens laufend unter http://digidorf.blog

 „Digitales Dorf 2030“

Chancen und Risken für den ländlichen Raum in Niederösterreich

Für den ländlichen Raum wird sie stets als große Chance gesehen. Aber gerade bei der Erforschung und Anwendungen digitaler Möglichkeiten ist der ländliche Raum „noch“ hinten an. Und nicht nur im ländlichen Raum ist die Veränderungsbereitschaft, die digitale Anwendungen auch benötigen, noch verbesserbar. Was wir tun müssen, um für unsere Dörfer und Städte und den ländlichen Raum eine echte Chance zu machen, das versucht dieser Artikel technisch und emotional zu beleuchten.

Das digitale Dorf ist auf jeden Fall „Ein Dorf von WELT“

Das urtypische „Dorf“ war ganz früher eine kleine Gruppensiedlung, wo die Menschen die meiste Zeit ihres Lebens verbracht haben, voneinander fast alles gewusst haben und wo sie die  nur ihnen eigenen kulturellen Besonderheiten pflegten und ihr Mobilitätsradius überwiegend auf fußläufige Entfernungen beschränkt war.

Elemente dieses „urtypischen Dorfes“ wird es auch weiter geben, aber die Mobilitäts- und vor allem Kommunikationsradien im digitalen Dorf sind mittlerweile „weltweit“. Kulturell ist das „digitale Dorf“ ein „melting pot“ und manchmal weiss man von Freunden in „Übersee“ mehr als vom Nachbarn in der Wohnung unter sich. Das „digitale Dorf“ ist nur mehr in wenigen Bereichen – zumeist bei ortsgebundenen Infrastrukturen –  „räumlich eng begrenzt“. Kulturell, kommunikativ und tlw. auch im Bereich des Wirtschaftens, Arbeitens und Einkaufes ist unser Dorf jetzt schon nahezu unbeschränkt.

Digitalisierung kann wieder Chancengleichheit für den ländlichen Raum bringen

Die heute mit der Digitalisierung einhergehenden Möglichkeiten und die damit verbundenen erweiterten (fast weltweiten) Handlungs-, Wissens- und Aktionsradien haben Menschen in der „vordigitalen“ Zeit ausschließlich in der Stadt gesucht. Der Wegzug vom Land war in letzter Konsequenz eine Folge der in der Peripherie eingeschränkten Möglichkeiten für Bildung, Versorgung, Freizeitangebot, Arbeitsplätze usw. ; Dass mit dem laufenden wirtschaftlichen Anpassungsdruck dann auch gleich noch weitere wichtige dörfliche Funktionen wie Polizei, Landarzt, Schulstandorte, Post oder Nahversorger ausgedünnt wurden, hat die Abwärtsspirale noch beschleunigt.

Digitalisierung hat das Potential, zumindest einige dieser „Versorgungs-Funktionalitäten“ wieder zurückzubringen und sie kann sprichwörtlich „die Welt ins Dorf bringen“. Aber – und das ist die Einschränkung – wohl nicht mehr in der alt gewohnten Art und Weise……..

Digitale Funktionalitäten deshalb völlig „neu denken“

Generell sind die bislang erfolgreichen  Projekte der Digitalisierung nicht jene, die nur alte Denk- und Handlungsmuster einfach digital abgebildet haben, sondern erfolgreich sind heute diejenigen, die sich völlig neue Geschäftsmodelle zurecht gelegt haben. YOUTUBE, UBER oder AirBNB sind internationale Beispiele dafür. Mit „Plattformökonomie“ machen sie Milliardenumsätze durch Bündelung von Einzelangeboten. Und dass davon auch Betriebe am Land profitieren können zeigt BOOKING.COM. Diese Plattform hat in den letzten Jahren für so manchen Unterkunftgeber ausserhalb der Stadt tausende neue Kunden erschlossen, die sonst nie abseits von Autobahnen oder Ballungszentren aufgetaucht wären.

Um noch weitere Funktionen durch Digitalisierung wieder ins Dorf zurückzubringen, wird´s aber den wichtigsten Faktor ganz dringend brauchen: Den Menschen!!!!

Digitaler Erfolg ist dort, wo die „Menschlichkeit“ des Dorfes bleibt

Wenn in Zukunft dörfliche Funktionen durch Digitalisierung besser und vor allem auch wirtschaftlich funktionieren sollen, dann ist neben der Technik der Faktor Mensch der  größte Knackpunkt für erfolgreiche Anwendungen. Nur wenn wir die Kommunikation von Mensch zu Mensch mit digitalen „Unterstützungen“ verbinden, wenn wir Emotionen und deren Bewältigung (positiv wie negativ) auch im Cyberspace zulassen, wenn wir menschliche Bedürfnisse – zum Beispiel nach Wertschätzung und Gemeinschaft – auch unter Zuhilfenahme von digitalen Anwendungen – erfüllen können, dann wird das „digitale Dorf“ lebendig werden. Anhand einiger Beispiele sei hier versucht, aufzuzeigen, wie´s gehen kann. Wiewohl auch hier – selbst die nahe Zukunft – nur „erahnt“ werden kann:

  • Landarzt „online“:

Exzellente Diagnosen von Erkrankungen können heute unter Zuhilfenahme von hunderttausenden Datensätzen und Beispielserkrankungen von Rechnern schon besser als von Ärzten bestimmt werden. Aber nur der Arzt hat Einfühlungsvermögen, nur er kommuniziert mit dem Patienten richtig und bringt das menschliche „Momentum“ in der Krankheit, das wiederum beflügelt, antreibt und zur Genesung motiviert. Insofern wird uns die Digitalisierung unter Zuhilfenahme von unendlich vielen Daten beispielsweise dabei helfen, die richtigen Diagnosen zu erstellen. Sie wird auch beim Patientenmanagement ihre Dienste tun. Und „menschlich“ wird´s verlaufen, wenn wir mit unserem Vertrauensarzt von zu Hause aus via Bildtelefonie online kommunizieren können. Und das öfter und angenehmer als in der Ordination. Für das digitale Dorf wird also die Entfernung zum Arzt kein so großes Problem mehr darstellen und eine hohe Betreuungsqualität auch in der Peripherie besser als heute möglich sein.

  • Pflegeunterstützung durch „smart speaker“

Vereinsamung und körperliche Einschränkung führen im Alter zu einem hohen Kommunikations- und Hilfsbedarf. Dieser kann oft nur eingeschränkt durch Verwandte, Pflegekräfte oder Hilfsdienste übernommen und geleistet werden. Gleichzeitig ist der Wunsch, zu Hause – speziell auch am Land –  in Würde zu altern groß. Digitale Sprachassistenten, elektrische Türschlösser, ausgeklügelte Notruf- und Kommunikationssysteme oder auch an den Körper angepasste Bewegungshilfen und ferngesteuerte Geräte als Unterstützer im Alltag können da sehr wohl digitale Helfer sein. Das NÖ. Hilfswerk ist jetzt schon dabei, in einer „digitalen Testwohnung“ technische Entwicklungen, die die unabdingbare menschliche Pflege unterstützen können, voranzutreiben und „in echt“ zu testen.

  • Mein GemeindeAMT – zukünftig eine GemeindeAPP

Das Smartphone wird – auch über die Telefonie hinaus – in fast allen Lebensbereichen zur Kommunikationszentrale. Wir bestellen damit jetzt schon Waren, lösen Zugtickets oder wickeln Bezahlvorgänge jeder Art ab. Im digitalen Dorf wird auch das Gemeindeamt teilweise „virtuell“ sein. Und wir werden neben dem Antrag auf Wahlkarten und der Unterschrift unter ein Volksbegehren wohl auch die Kindergarten- und Schulanmeldung, die Lösung der Hundemarke, das Bauansuchen und Meinungs- und Stimmungsumfragen unter der Gemeindebevölkerung durchführen. Und auch die Sorgen an den Bürgermeister können wir zukünftig wohl über das Handy abgeben und gleichzeitig die täglichen Gemeindenews pünktlich zum Frühstück sehen. Die Technik kann das jetzt schon fast alles. Wichtig wird für das digitale Dorf sein, dass ich in meiner GemeindeAPP am Handy auch mit den Gemeindemitarbeitern kommunizieren kann, dass ich genauso persönlich behandelt werde wie am GemeindeAmt und die Amtsmitarbeiter bei Fragen auch direkt mit mir „online“ in Verbindung treten. Und zwischendurch einmal ein Besuch am Gemeindeamt stärkt natürlich den persönlichen Bezug!

  • Das Auge der Polizei wird digital „schärfer“ und schneller sein

Damit noch zum Thema „Sicherheit“ und dieses Thema ist in allen Belangen „ambivalent“. Eigentlich möchten wir – auch wenn die Anzahl der Polizeistationen weniger wird – dass in den Gemeinden und Siedlungsgebieten immer mehr Streifen unterwegs sind. Damit soll das „subjektive Sicherheitsgefühl“ gestärkt werden, wie es so schön heißt. Wirklich effektiv sind in Zukunft aber ganz andere digitale Methoden. Das reicht von der klassischen Überwachungskamera in immer kleineren Formaten und möglicherweise einmal auf jeder Straßenlaterne, über Gesichtserkennung bis hin zur automatischen Auswertung von verdächtigen Aktivitäten, die schließlich bessere Hinweise auf Verbrechen, einen punktgenauen Zugriff oder eine viel höhere Aufklärung sicherstellen. Und während die Polizei im digitalen Dorf wahrscheinlich kaum zu sehen sein wird aber das polizeiliche Auge dafür überall sein könnte, ist zu hoffen, dass die Digi-Polizei auch im Internet aktiv in Erscheinung tritt. In Zeiten, wo „Cyber-Kriminalität“  stark wächst, wird die Digi-Polizei wohl auch direkt im Web bald bansprechbar sein und mittels online-chat auch Verbrechensanzeigen aufnehmen, Ratschläge erteilen und Informationen weitergeben. Die Polizei als Freund und Helfer ist dann vielleicht „my friend and helpdesk“ und trotzdem könnte es „ambivalent“ bleiben: Denn zwischen Sicherheit und „Überwachung“ liegt im Empfinden der Menschen nur ein schmaler Grat.

  • Digitale Miniläden und Paketshops als Dorftreff

Eine gute Nahversorgung steht ganz oben am Wunschzettel von uns Dorfbewohnern. Nur Wunsch und Wirklichkeit klaffen schon lange auseinander. Der Nahversorger-Markt hat sich entweder schon an die Umfahrungsstraße oder in den größeren Nachbarort gebaut, weil es eine „Frequenzlage“ ist. Dass der „Markt“ dort nur mehr für „wenige“ fußläufig erreichbar ist, steht auf einem anderen Blatt. Digitale Miniläden sind ein mögliches Zukunftskonzept. Dabei wird die Paketabholung von online bestellten Waren, die übrigens stark wächst, mit einem guten Nahversorgungsangebot kombiniert. Der Kaffeeautomat und ein paar Tischerl laden zum Sitzen ein und vielleicht ist auch der Bankomat und die Post.Partner Abgabestelle integriert. Personal ist im digitalen Miniladen allerdings Mangelware. Ersetzt wird es von Selbstbedienung und digitalen Kassensystemen, wo die Kunden selbst Waren scannen oder eintippen. Im Prinzip werden beim Miniladen die Mechanismen des digitalen Onlineshoppings wieder in eine reale Welt des Einkaufens in einem kleinen Shop zurückgeholt. Und wo sich Menschen treffen, weil sie einkaufen – auch wenn es digital unterstützt ist – da entsteht auch wieder Kontakt und da kann ein digitaler Miniladen, der im Dorfzentrum fußläufig erreichbar ist, dann schnell auch wieder zum dörflichen Kommunikationszentrum werden.

  • Auch von der Ferne im „Heimat“Dorf dabei sein

Bislang nutzen die meisten von uns die Segnungen der Digitalisierung überwiegend nur für neue Kommunikationsformen. Den sozialen Medien gilt dabei das Hauptaugenmerk. Information, Diskussion und virtuelle Beteiligung bei zutiefst persönlichen Themen, Familienangelegenheiten, dörflichen Ereignissen oder Projekten sind unabhängig von der persönlichen Anwesenheit möglich. Und gerade für Menschen, die wochenlang auf Montagen sind oder studieren reißt der Faden zur „Heimat“ in der neuen „Digiwelt“ weniger ab als früher.  Und wer „digital verbunden“ bleibt, der kehrt auch bei längerer Abwesenheit eher wieder einmal zurück und belebt dann mit Familie und Kind unsere Dörfer. Digitale Medien haben übrigens ihre Möglichkeiten in der fernen und nahen dörflichen Kommunikation noch lange nicht ausgeschöpft. Wer kann sich heute eine Übertragung des Erntedankfestes als „livestream“ vorstellen oder wie wär´s anstatt von facebook mit einem „dorfbook“ als Kommunikationsmedium. Wenn ein Wasserleitungsgebrechen plötzlich auftaucht, dann könnte in Zukunft auch sofort die richtige Gruppe der Betroffenen informiert werden. Von Umfragen zu Projekten und „echtem“ politischem Diskurs als Grund- und Vorlage für Gremiumsentscheidungen ganz zu schweigen……

  • Mobilität am Land „schnell, flexibel und weil digital auch wirtschaftlich“

Hat eigentlich in entfernteren Regionen, wo der Bus nur alle heiligen Zeiten fährt, und wo in vielen Autos, die Richtung Stadt unterwegs sind, nur 1 Person sitzt – hat da schon einmal wer überlegt, die „leeren“ Plätze als Mitfahrplätze anzubieten? Digital würde das schon möglich sein und mit einer „Steig ein“ APP sollte ohne lange Vorbestellung das flexible Mitnehmen bei ohnehin getätigten Fahrten dann auch von jeder Stelle aus, wo ein Fahrzeug vorbeifährt, gut organisiert und vom Handy aus „buchbar“ möglich sein. Die Dichte der Fahrten wäre da durchaus passabel, wenn man die Zählungen des durchschnittlichen Tagesverkehrs hernimmt. Einige hundert „Mit“-Fahrtmöglichkeit stehen dann vielleicht 1 bis 2 Busverbindungen gegenüber. Dass so ein System so nebenbei auch enorm Ressourcen sparend sein könnte, ist ein sehr positiver Nebeneffekt. Natürlich stellt sich die Frage: „Wie komme ich wieder zurück?“ Aber „Digitalisierung“ heißt einfach „Lösungen neu denken“ und das ist auch bei der Mobilität am Land notwendig, um sie halbwegs kostendeckend zu „schaffen“ und diesen ständigen Ruf nach mehr „öffentlichem Verkehr“ dort, wo er ohnehin nie realisierbar sein wird, wirklich ein effizientes digitales System gegenüberzustellen.

Für die Ausschöpfung aller Möglichkeiten sind digitale Netze und „digitale Erfinder“ notwendig

Schnelle Datenleitungen bis in jedes Haus und Innovation, Innovation und nochmals Innovation werden uns die vollen Möglichkeiten der Digitalisierung erschließen können

Zum ersten: Die Breitbandstrategie des Bundes (BBA2030) gibt hinsichtlich des Glasfasernetzausbaues in ganz Österreich seit Sommer 2019 eine gute Grundlage ab. Und in Niederösterreich ist man mit der NÖGIG (NÖ.Glasfaser Infrastruktur Gesellschaft) auch schon weiter als in vielen anderen Bundesländern in der Umsetzung. Der hier bei uns beschrittene Weg, dass jetzt für den Bedarf der Zukunft gebaut wird, und dafür auch vorsorglich viel Geld investiert wird, ist goldrichtig und wird den Standort Niederösterreich und vor allem auch den ländlichen Raum bei uns zukunftsfit halten. Und das bevor die Abwanderung weitergeht und viele der oben beschriebenen Anwendungen wegen zu geringer Datenübertragungsraten schlichtweg nicht möglich sind.

Zum zweiten: Bei der Entwicklung von digitalen Anwendungen und Anwendungsgeräten braucht´s noch viel Innovation, es braucht Querdenker und es braucht wohl auch heute die klassischen „Erfinder“. Und die müssen wiederum mit den Softwareschmieden, mit den Fachhochschulen und den Innovationszentren des Landes vernetzt sein. Denn eine strategische digitale Entwicklung des ländlichen Raumes wird nicht nur in den „Garagen“ dieser Welt erfolgen, sondern braucht professionelle Förder- und Unterstützerstrukturen . Das Haus der Digitalisierung Niederösterreich ist genau so eine Plattform, die Menschen mit Ideen und Umsetzer zusammenbringt.

CHANGE – CHANCE; Die digitale Zukunft ist nur einen Buchstaben entfernt

Wenn wir unsere Dörfer der Zukunft denken, dann ist Digitalisierung wohl nur eine von vielen Facetten der Veränderung, die wir überall spüren. Die Frage ist, wie wir diesen „CHANGE“ angehen. Wenn wir allein nur das G gegen das C im Wort austauschen, dann ist ein CHANGE bereits eine CHANCE! Auf geht´s in die digitale Zukunft. Sie ist nur einen Buchstaben entfernt!

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